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Anglizismen

Anglizismen in der deutschen Sprache – Anreicherung oder Verschlechterung?

Als Anglizismen bezeichnet man Ausdrucksweisen oder Bedeutungen aus der englischen Sprache, die in eine andere Sprache eingeflossen sind.

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Johannes Gottfried Herder (1744-1803)

Jede lebende Sprache verändert sich. Oft integriert sie dabei Ausdrücke fremder Sprachen, etwa wenn sich kein entsprechendes Wort in der eigenen Sprache finden lässt. In der Regel bereichern diese Lehnwörter [1] eine Sprache, beispielsweise Anglizismen im Deutschen. Gerne leihen sich Menschen Begriffe aus dem Wortschatz ihrer Nachbarn. So nutzen Bewohner aus dem deutschsprachigen Ostteil der Schweiz Ausdrücke ihrer französischsprachigen Mitbürger aus dem Westteil. Die Ostschweizer spazieren daher auf dem Trottoir und radeln mit dem Velo. Doch nicht jedem gefällt die Vermischung. Immer wieder versuchten Experten, Sprachen wie etwa Italienisch, Französisch und Deutsch „rein“ zu halten. Die meisten Ansätze scheiterten. Sprache per Gesetz zu regeln, ist schwierig. Wenn aber Lehnwörter wie Anglizismen eine Sprache beleben, warum wehren sich dann manche Menschen dagegen? Die Gründe sind nationalistischer, pragmatischer und ästhetischer Natur.

Nationalismus

Für Menschen vieler Nationen ist Sprache untrennbar mit ihrer kulturellen Identität verknüpft. Sie wird zu einem Symbol der Gesamtnationalität. Das gilt besonders für Deutschland und die deutsche Sprache. Tatsächlich verwendete der Dichter Johann Gottfried Herder (1744–1803) erstmals den Begriff Nationalismus. Herder glaubte, dass Sprache das nationale Denken und die nationale Kultur bestimmten [2]. In diesem Sinne könnten Menschen Anglizismen als einen Angriff auf das Symbol ihrer nationalen Identität empfinden – so als ob ein Fremder auf ihrer Nationalflagge herumtrampelt. Dabei fällt auf, dass Lehnwörter meist aus Ländern mit hohem Prestige und kultureller Dominanz stammen. Zu Herders Zeiten Mitte des 18. Jahrhunderts traf dies auf Frankreich zu.

„O spei aus, vor der Hausthür spei der Seine
Häßlichen Schleim aus!
Rede Deutsch, o du Deutscher!“

schrieb Herder. Heute dominieren die USA das Weltgeschehen und setzen kulturelle Trends. Die Lehnwörter der meisten Sprachen sind daher heute Anglizismen.

Pragmatismus

Anglizismen nutzen wenig, wenn sie niemand versteht. So missverstehen die meisten Deutschen – und vor allem Ältere – Werbung mit Anleihen aus dem Englischen. Eine Bereicherung der Sprache oder einen Beitrag zur besseren Kommunikation lässt sich in solchen Fällen kaum ausmachen. So verstand beispielsweise in einer Umfrage nur ein Viertel der Befragten englische Slogans in der Autowerbung.

Ästhetik

Tatsächlich entlehnt ein Sprecher englische Begriffe oft nicht, um sich verständlicher zu machen, sondern um sich als gebildeter, moderner und überlegen darzustellen [3]. Werbe- und Verkaufsstrategen setzen daher besonders gerne auf Anglizismen [4]. Wer sie aus diesen Gründen einsetzt, riskiert Geschmacklosigkeit wie dieses Beispiel der deutschen Modedesignerin Jil Sander eindringlich zeigt:

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Jil Sander (1943 – )

Mein Leben ist eine giving-story. Ich habe verstanden, dass man contemporary sein muss, das future-Denken haben muss. Meine Idee war, die hand-tailored-Geschichte mit neuen Technologien zu verbinden. Und für den Erfolg war mein coordinated concept entscheidend, die Idee, dass man viele Teile einer collection miteinander combinen kann. Aber die audience hat das alles von Anfang an auch supported. Der problembewusste Mensch von heute kann diese Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten. Allerdings geht unser voice auch auf bestimmte Zielgruppen. Wer Ladyisches will, searcht nicht bei Jil Sander. Man muss Sinn haben für das effortless, das magic meines Stils.

Sprache dient in erster Linie der Kommunikation. Wer Anglizismen sparsam einsetzt, kann  damit die Sprache bereichern und das Verständnis fördern. Wer Anglizismen braucht, um zu imponieren, erreicht das Gegenteil.

Referenzen
1. Durkin, P. (2014) Borrowed Words: A History of Loanwords in English, OUP Oxford.
2. Dow, J.R. (1999), ‚Germany‘, in Joshua A. Fishman (ed.), Handbook of language & ethnic identity (New York: Oxford University Press), 286-99.
3. Niehr, T. (2002) Linguistische Anmerkungen zu einer populären Anglizismen-Kritik, Sprachreport, (4), 4-11.
4. Die Zeit (2007) Die verkaufte Sprache.
5. Onysko, A. (2012) Anglicisms in German: Borrowing, Lexical Productivity and Written Codeswitching. 392 pp, bilingual. De Gruyter.
6. 100 Anglizismen (Bundeskanzlei, Schweizerische Eidgenossenschaft; 237 S., pdf)