Grammatik

Grammatik und Stil im Deutschen und Englischen

Was machen Übersetzer, wenn sie übersetzen? Vereinfacht gesagt, übersetzen sie Wörter einer Sprache in entsprechende Wörter einer anderen Sprache. Aber Wörter allein ergeben kaum Sinn, wenn sie nicht nach den Regeln einer Grammatik zu Sätzen zusammengefügt werden. Die meisten dieser Regeln lassen sich logisch erschließen und werden mit der Sprache erlernt. Ein Sprecher mit einem guten Verständnis für eine Fremdsprache kann diese sinnvoll in seine Muttersprache übersetzen, ohne viel über Grammatik oder Übersetzungstheorie zu wissen. Denn er versteht den Ausgangstext, kann die Bedeutung mit seinen eigenen Worten genau wiedergeben und weiß wie es sich richtig anhört. In der Praxis übersetzt er die Wörter und wendet die Grammatikregeln der Zielsprache an. Aber die englische Grammatik unterscheidet sich stark von der deutschen, so dass eine wörtliche Übersetzung vom Deutschen ins Englische (oder umgekehrt) sich oft holprig anhört oder das Verständnis erschwert. Das Folgende ist eine informelle Liste von wichtigen Unterschieden zwischen dem Englischen und Deutschen die Satzstruktur und den Stil betreffend.

Satzanfänge

Grammatik - pons-grammatik 125x177Im Englischen beginnt ein Satz gewöhnlich mit dem Subjekt. Deutsche Sätze beginnen dagegen oft mit einem anderen Satzglied. Ein deutscher Satzanfang kann gebildet werden mit

  • einem Relativsatz
  • einem Präpositionalsatz  (“Mit dem Prüfpräparat wurde im Vorfeld eine Studie durchgeführt.”)
  • einem Adverbialsatz (“Darüber hinaus können Sie unseren Unterricht besuchen.”)
  • einem direkten Objekt  (“Stabilität erhält es durch Röhren, die den Flügel durchziehen.”)
  • einer Konjunktion (“Und auch bei denen, die ihren Wunschjob bekommen haben…”)
  • oder einem Verb („Studiert hatten sie in München, dort waren sie sich zum ersten Mal begegnet.“)

Trennung des Substantivs von seinem Artikel

Im Deutschen kann ein Substantiv von seinem Artikel (üblicherweise dem bestimmten) durch eine Adjektivkonstruktion [1] getrennt werden, wo im Englischen nur ein einfaches Adjektiv verwendet wird:

  • “Durch die Entstehung einer Pilzkolonie werden die Auswirkungen der für das bloße Auge unsichtbaren Sporen sichtbar.“
  • “Wir bitten Sie, in der Dokumentenliste des Formulars die für die Publikation des vorgelegten Inseratenteils vorgesehenen Medien namentlich zu nennen.“

Substantive versus Verben

Im Deutschen werden Substantive häufig dort verwendet, wo im Englischen eine Verbalkonstruktion vorgezogen wird (’nominalisation‘), also besonders in technischen und wissenschaftlichen bzw. formellen Texten (vgl. Durrell (2003) [1] auf ‚R3b‘, S.9).

  • “Die Erhöhung sollte jedoch nicht zu rasch erfolgen…” [However, the (dose) should not be increased too quickly…]
  • “Eine Abgabe von Mustern für Studienzwecke ist grundsätzlich möglich.” [It is possible to provide samples for clinical trials].

Bestimmte Artikel versus Possessivpronomen

Im Deutschen wird der bestimmte Artikel oft dort verwendet wo im Englischen ein Possessivpronomen gebraucht wird.

  • “Er hatte die Hand in der Tasche” [He kept his hand in his pocket].

Körperteile sind hier ein klassisches Beispiel, aber das gleiche gilt für Familienmitglieder (der Vater, die Tochter), wo eine wörtliche Übersetzung des bestimmten Artikels eine unpersönliche Bedeutung vermittelt, die im Deutschen meist gar nicht gemeint ist.

Singular versus Plural

Im Deutschen wird oft die Singularform des Substantivs verwendet, während im Englischen der Plural bevorzugt wird:

  • Tragen Sie mit dem Finger so viel von der Lösung auf die Behandlungsfläche auf…” [Apply enough of the solution to the treatment area with your fingers…]
  • “im 19. und 20. Jahrhundert” [in the nineteenth and twentieth centuries].

Es gibt auch den umgekehrten Fall, wo im Deutschen der Plural steht, während im Englischen die Singularform des Substantivs benutzt wird:

  • “Unerwünschte Wirkungen bei Laserbehandlungen können Schmerzen und lokale Entzündungen hervorrufen.” [Adverse effects with laser treatment may elicit pain and local inflammation].

Adverbien in Serie

Im Deutschen können Adverbien verkettet werden, was sich im Englischen eher holprig anhört (besonders bei Adverbien mit der Endung „-ly“):

  • „Das Karzinom breitet sich über die makroskopisch eindeutig erkennbaren Anteile…“
  • “Nächster Pleitekandidat kommt auch bald unter den Schirm”.

Anmerkung:

1. Durrell, Martin (2003), Using German – A Guide to Contemporary Usage, 2. Auflage, Cambridge University Press.

Siehe auch: „The differences between English and German“ and „Tom’s Deutschseite“